Gesungene Gebete

Ein Segen

Im Segen wünschen Menschen sich und anderen Gutes mit der Hilfe Gottes. „Alles Gute“ mag wie eine Floskel wirken, wünschen wir hingegen Segen oder sogar ausdrücklich Gottes Segen, öffnet sich der Horizont der Begegnung über alles Irdische hinaus und in seine Tiefen hinein. Das Oberflächliche wird verlassen. Das wird in diesem Lied, das meditativ kontinuierlich wiederholt, gesummt, gesungen, als innere Dauermelodie mitgehen kann, eindrücklich getan. Es spricht nicht von Gott. Nur im Titel „Segen“ klingt Gott an. Aber das Oberflächliche des Redens, des Handelns, des Hörens, des Sehens, des Gehens wird leibhaftig überwunden: gütig, zärtlich, leise, fähig Gut und Böse zu unterscheiden, nach Hause finden. In der Mitte steht die Liebe – dafür ist das Herz da, dafür soll das Herz Platz haben. Ihm wünscht der Segen, dass die Liebe ankommt und erwidert wird – einen Menschen, der zur Heimat wird; dass die Liebe im Letzten (und durch alle Enttäuschungen von Menschen hindurch) nicht enttäuscht wird, sondern dass du vertrauen kannst, dass du geborgen bist. Menschen können einander ein gutes Stück weit Geborgenheit schenken. Eltern wissen das, Eltern wollen das, Eltern wissen sich dazu auch herausgefordert in ihrer Verantwortung, so gut es geht die Entwicklung ihrer Kinder zu fördern. Doch sie wissen, wie wenig sie das doch von sich aus garantieren können – und noch weniger kontrollieren. Sie brauchen selbst Liebe, Vertrauen, Geborgenheit, worin sie auch ihre Kinder aufgehoben wissen wollen.

Eltern, die ihr Kind am Morgen beim Aus-dem-Haus-Gehen ausdrücklich oder nur still im Herzen und Nachschauen segnen, vertrauen es dem Schutz Gottes an oder seines Engels. Das Kind soll behütet sein auf all seinen Wegen und in all seinen Begegnungen mit anderen. Sie könnten den Segen summen; oder mit ihren Kindern singen; oder sich an ein anderes Lied erinnern, das bei diesem Segen anklingt und vielleicht schon bei der Taufe des Kindes gesungen oder gebetet wurde: „Segne dieses Kind, und hilf uns, ihm zu helfen … - dass es sehen – hören – greifen – reden – gehen – lieben lernt“ (vgl. GL 490) – Leben und Lieben mit allen Sinnen.

„Ein Segen“ lädt ein zu Vertiefungen in die Oberfläche mit allen Sinnen. Dazu lädt auch Ignatius von Loyola ein, wo er in den „Geistlichen Übungen“ zur Meditation des Lebens Jesu anleitet: mit allen Sinnen sich in die konkrete (kulturelle) Lebens-, Begegnungs-, Handlungssituation Jesu hineinversetzen und mit-fühlen, was und wie Jesus mit seinem Mund ein gutes Wort spricht, mit seinen Händen zärtlich handelt, mit offenen Ohren die Leisen hört, mit einem Herz voller Liebe zu den Menschen: wie er sehenden Auges unterscheidet, was Menschen zu Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit hin- oder wegführt, wie seine Füße den Weg „nach Haus“ über Golgotha (hinaus) finden – zum Vater, der ihm Heimat ist und bleibt und der sein Vertrauen und seine Geborgenheit selbst im Äußersten nicht enttäuschte, sondern ihn durchtrug und von den Toten auferweckte. „Ein Segen“ wünscht im letzten, „in Jesus“ zu leben und Jesus ähnlicher zu werden, im Sprechen, im Handeln, im Hören, im Sehen, im Gehen, in Freundschaft und Liebe des Herzens zu(m) geliebten Menschen, im Vertrauen, in der Heimat und in der Geborgenheit in Gott – ein Segen zu werden.

Klaus Baumann, Freiburg